TÜV Rheinland Blog „Second Life“ als Chance für die Personalentwicklung? – TÜV Rheinland Blog

 

Jetzt läuft Sie wieder, die insbesondere im Rheinland beliebte Sessions-Zeit. Karneval – ein Brauchtum, an dem sich in Deutschland die Geister scheiden. Die einen lieben es, die anderen definitiv nicht. Oder man ist wie ich, in Norddeutschland geborener Wahl-Düsseldorfer, und nimmt es halt mit. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Obwohl meine Ursprungsheimatregion Vechta für norddeutsche Verhältnisse auch schon als Karnevalshochburg anzusehen ist, wurde nie die im Rheinland typische Liebe daraus. Würd´ in Norddeutschland, wie ich, wahrscheinlich kaum einer vermissen, wenn die jecke Zeit auf einmal nicht mehr stattfände … Aber losse mir de Fastelovend do wo hä hingehört. Ins Rheinland und zu den Rheinländern. Fasching erwähne ich hier gar nicht erst.

Ein anderer Mensch – dank Verkleidung

Faszinierend im Karneval ist immer wieder, wie viele Leute ihr Wesen verändern, wenn sie verkleidet sind. Das Kostüm, zugegeben zumeist mit hemmungslösendem Kaltgetränk kombiniert, schafft völlig neue Persönlichkeiten. Oft zum Positiven hin, sozial kommunikativ(er), mutig(er) und neugierig(er). Und die gewählten Verkleidungen lassen dabei manchmal auch tief blicken. So mancher Karnevalist lässt damit die eigenen Träume wahr werden. Einmal die Prinzessin, der Pilot, eine Polizistin oder auch nur Donald Trump sein. Letzteres lassen wir unkommentiert, das würde ausufern. Ein großes Kostümkaufhaus wirbt passend gerade mit dem Slogan: „Sei was Du willst“ – interessanterweise ist da jemand als Biene verkleidet …

Träume ausleben in der virtuellen Welt

Ein bisschen erinnert das an – einige der „älteren“ Leser kennen sie vielleicht noch – die digitale Plattform Second Life. Diese virtuelle Welt um das Jahr 2010 herum, wo jeder ein „zweites Leben“ führen konnte, das er sich wünschte oder das einfach nur anders war als das reale. Auch bei Second Life musste man einer Arbeit nachgehen, um sich einen gewissen Status zu gönnen, konnte aber dann auch ganz nach dem Motto „meine Frau/mein Mann, mein Haus, mein Auto, mein Schiff“ (Reihenfolge beliebig anpass- und austauschbar) ohne die reale Vorgeschichte Statussymbole zur Schau stellen. So hat sich mancher mit seinem Avatar geheime Träume erfüllt und sich Dinge getraut, die im wirklichen Leben nicht durchgezogen wurden.

Schöne neue Welt. Die Leute waren im Second Life, wie im Karneval, mutig, neugierig, kommunikativ – virtuell im geschützten Raum und ohne unmittelbare Auswirkung auf die Realität. Emotionale Bindungen durch die Kommunikation mit virtuellen Charakteren, hinter denen reale Personen standen, einmal ausgenommen. Hier kam es in der Realität sicher zu mancher Überraschung. Auch in den aktiven sozialen Netzwerken wird ja manchmal ein persönliches Bild geschaffen, das nicht den tatsächlichen Begebenheiten entspricht.

Experimentierfreude im geschützten Raum

Doch was können wir aus den beiden Szenarien – dem traditionellen rheinischen Brauchtum und dem (kurzlebigen) digitalen Trend – auf die Personalentwicklung übertragen? Außer dass Weiterbildung im Unternehmen auch oft ein „Man mag es oder nicht“- bzw. „Man nutzt es oder nicht“-Thema ist? Viele Menschen verhalten sich anders, wenn sie sich sicher fühlen, wenn sie frei agieren können, ohne dass dies gleich unmittelbare persönliche (negative) Konsequenzen hat. Neugier und Experimentierfreude in der „Öffentlichkeit“ steigen, befindet man sich in einem geschützten Raum. Sei es durch Maskierung im Realen oder in einer virtuellen Welt.

Macht man sich diesen Aspekt in der Personalentwicklung zunutze, öffnen sich dem Mitarbeiter neue Türen. Individuelle Bildungs- und Informationspfade zum Ausprobieren erweitern Horizonte und ermöglichen mittels vorgeschalteter Kompetenz(über-)prüfung ein selbstorganisiertes, freiwilliges Assessment. Mit unmittelbarem Feedback zur Selbsteinschätzung und darauf basierenden Weiterentwicklungsmöglichkeiten.

Gestärkt in den zukünftigen Arbeitsalltag

Digitale Lernwelten schaffen einen Zugang, wo Erfahrungen gesammelt, Zusammenhänge eruiert und Themen durch aktives Anwenden nachhaltig verstanden werden können. Integriert in den individuellen Arbeitsalltag, da selbstorganisiert, orts- und zeitunabhängig und ohne unmittelbare Auswirkung auf die Außenwelt. So kann der Nutzer die virtuellen Erfahrungen resümieren, aus möglichen Fehlern lernen und (neue) Herausforderungen des realen Arbeitsalltags versierter angehen.

Insbesondere in Zeiten der digitalen Transformation, wo Prozesse und Strukturen der Arbeitswelt sich stetig wandeln, automatisieren und weiterentwickeln, ist der Mitarbeiter gefordert, sich auch aus Eigeninteresse tätigkeitsfeldbezogen neu zu qualifizieren, zu organisieren oder zu orientieren. Und das ist doch meist leichter, wenn man bereits erste Einblicke und Erfahrungen gesammelt hat. Erfolgreiche Redner zum Beispiel haben ihre Reden zumeist auch schon einmal vorab vor Vertrauten, also im geschützten Raum, vorgetragen, um die gewünschte Reaktion und Wirkung abzuprüfen – und dann noch so manches angepasst. Lernen wir also von den unterschiedlichen Einflüssen und bieten dem Mitarbeiter die Möglichkeit, sich zu entwickeln und gestärkt in den zukünftigen Arbeitsalltag zu gehen.

Noch einmal zurück zur Überschrift: Folgen für die Personalentwicklung kann der Karneval natürlich auch in anderer Weise haben. Wenn der Konsum alkoholischer Getränke auf der Firmenkarnevalsfeier nicht in Maßen, sondern in Massen erfolgt. Dann fällt meist doch noch die Maske und aus dem geschützten wird der öffentliche Raum. Also genießen Sie bei der Brauchtumspflege neben einem leckeren Alt oder Kölsch auch mal ein Wasser.

Helau & Alaaf!

Quelle: TÜV Rheinland Blog „Second Life“ als Chance für die Personalentwicklung? – TÜV Rheinland Blog